Eine Feministische Stellungnahme Zur Benennung Und Abschaffung Von Weiblicher Genitalverstümmelung

Translation by ANNIKA D’AVIS, assistant, UnCUT/VOICES Press. Edited by Dr. Inga Burgmann

Stellungnahme zur weiblichen Genitalverstümmelung

(Female Genital Mutilation – FGM)

Eine feministische Stellungnahme zur Benennung und Abschaffung von weiblicher Genitalverstümmelung (FGM)

Patriarchale Unterdrückung ist das Fundament weiblicher Genitalverstümmelung und ähnlicher gesundheitsschädigender traditioneller Praktiken.

Zielsetzung dieser Erklärung ist es, Unterstützung von besorgten Bürgern und Menschen, die unmittelbar daran arbeiten FGM abzuschaffen zu erhalten sowie für Forschung, Dialog und Aktivismus, der von solch einem Verständnis herrührt. Zu diesem Zweck bestehen wir darauf, dass FGM korrekt benannt wird – nämlich ausdrücklich als “Verstümmelung” und nicht durch ausweichenden Euphemismus im formalen Diskus verharmlost wird.

Zur Unterstützung dieser Erklärung fügen Sie bitte Ihren Namen auf der “Unterstütze die Erklärung zu FGM” auf der Kommentarseite   hier   hinzu.

  1. Weibliche Genitalverstümmelung (FGM) stellt in all ihren Formen eine Grausamkeit und Misshandlung dar. Die Vereinten Nationen haben beschlossen diese Praktik als fundamentale Menschenrechtsverletzung einzuordnen [a].
  2. Weibliche Genitalverstümmelung wird in vielen Teilen der Welt praktiziert. Die Weltgesundheitsorganisation schätzt, dass rund 140 Millionen Mädchen und Frauen zum jetzigen Zeitpunkt dieser Verstümmelung unterzogen wurden und jedes Jahr erleben dies drei Millionen mehr [b].

140 Millionen ist jedoch eine sehr konservative Zahl und die Gesamtzahl, einschließlich Indonesien, dem Nahen Osten und Diasporaländern, ist vermutlich um einiges höher [c].

  1. FGM, genau wie andere traditionellen Praktiken, die Frauen und Mädchen schaden [d], wird aus verschiedenen Ängsten heraus und hinter den Kulissen durch die Familie und den Einfluss von anderen Menschen im direkten Umfeld, die ggf. auch von der Praktik persönlich profitieren, ausgeübt [e] einflussreichen Menschen, die von dieser Praktik persönlich profitieren, ausgeübt [e].
  2. Die angemessene und notwendige Reaktion auf FGM ist, die Praktik – wo immer sie auftritt –  als schwerwiegende und manchmal tödliche Kriminalität zu behandeln. Es gibt stichhaltige Beweise, die darauf hinweisen, dass dieser Ansatz, verbunden mit einer entsprechenden Ausbildung und Unterstützung, der effektivste Weg ist, um FGM zu stoppen [f].
  3. Es ist essentiell zu erkennen, dass Vertreterinnen afrikanischer Frauen in gemeinsamen Erklärungen selbst beschlossen haben, dass FGM in allen formalen Diskussionen als „Verstümmelung” zu bezeichnen sei und nicht durch einen euphemistischen Terminus ersetzt werden sollte, wie z.B. „Beschneidung“. Es ist zutiefst respektlos gegenüber jenen mutigen Frauen – und ebenfalls absolut nicht hilfreich – ihre eigene Beurteilung und Ratschläge zu ignorieren.
  4. Wir befassen uns mit dem grundlegenden Schutz von wehrlosen Kindern und jungen Frauen vor FGM weltweit, unabhängig davon, ob der vorgesehene FGM Ausführende ein traditioneller oder ein im modernen zeitgenössischen Sinn medizinisch ausgebildeter Arzt ist [h]. Notwendigerweise erstreckt sich unser Anliegen in verschiedenen Gemeinden ferner auch auf den Schutz von Frauen, die FGM unfreiwillig unterzogen werden, beispielsweise bei arrangierten Ehen, nach Geburten oder kriminellen Entführungen.
  5. FGM ist eine Menschenrechtsverletzung, wirir fordern, dass alle Frauen und Mädchen, die FGM erlebt haben qualifizierte rekonstruktive Chirurgie und/oder andere zusätzliche medizinische Hilfe in Anspruch nehmen können. Des Weiteren möchten wir, dass allen Opfern persönliche Unterstützung nach jener Erfahrung kostenlos, in Anspruch nehmen können.
  6. Es gibt viele Menschen mit verschiedenen Fähigkeiten und Einsichten, die weiterhin daran arbeiten können und sollten, FGM abzuschaffen, zu beseitigen und gänzlich auszurotten. Es ist wichtig, die zentralen kritischen Beiträge der Frauen, die diese traditionelle schädliche Praktik unmittelbar erfahren mussten und nun versuchen FGM zu eliminieren, vorbehaltslos anzuerkennen und zu hören.

Zur Unterstützung dieser Erklärung fügen Sie bitte Ihren Namen auf der “Unterstütze die Erklärung zu FGM” auf der Kommentarseite   hier   hinzu.

Informationen zu den Gründen und Grundprinzipien dieser Erklärung finden Sie unter “Hintergrund der Erklärung”. Einen Bericht darüber, wie es zu der Stellungnahme kam, können sie hier finden. Weitere Information zu FGM können Sie auf den folgenden Websiten finden:

Unterstützen Sie uns!

Wir begrüßen die Unterstützung von allen, Frauen und Männern, schwarz und weiß, Akademikern, Aktivisten, professionellen Fachleuten, politischen Vertretern und Entscheidungsträgern oder betroffene Weltbürgern.

Bitte wählen Sie entweder eine oder beide der folgenden Optionen die Sie bevorzugen und teilen Sie uns ihr Engagement zu dieser Stellungnahme mit und warum dies für sie wichtig ist.

  1. Unterstützen Sie das Statement öffentlich – bitte klicken Sie hier! – Fügen Sie auch ihre Website, Twitterseite oder andere Informationen für alle sichtbar hinzu, wenn Sie diese veröffentlichen möchten. Jeder kann dies tun!

und/oder

  1. Vermerken Sie Ihr Interesse an zukünftigem Engagement privat – bitte hier klicken! Dies ist für Aktivisten, Forscher, etc.: Wenn Sie sich nur für diese Option entscheiden, wird Ihr Name nicht öffentlich gemacht, aber wir wissen auf diese Weise, dass Sie unterstützend tätig sind und wir Sie erneut kontaktieren dürfen.

Bitte beachten Sie, dass

  1. Alle Beiträge werden moderiert und es werden nur die Unterstützungen veröffentlicht, bei denen wir glauben, dass der Verfasser seinen korrekten Namen angegeben hat.

Während wir ebenfalls jegliche Verletzung männlicher Geschlechtsorgane anerkennen und ablehnen, befasst sich diese Stellungnahme ausschließlich mit dem geschlechtsspezifischen Schaden für Mädchen und Frauen. Wir werden daher nur Kommentare veröffentlichen, die direkt themenbezogen sind.

Sobald wir Ihren Eintrag zur Unterstützung überprüft haben, möchten wir mit Ihrer Erlaubnis, Ihren Namen auch auf die “Statement Unterschriften Seite” setzen.

Herzlichen Dank für Ihre Unterstützung und Ihr Engagement; wir freuen uns von Ihnen zu lesen!

~ ~ ~ ~ ~

Hintergrund der Stellungnahme

Bitte unterzeichnen Sie unsere Stellungnahme und teilen Sie dieses mit Anderen, wenn Sie sich mit unserer Position zur Benennung und Abschaffung von weiblicher Genitalverstümmelung übereinstimmen und gegebenenfalls auch identifizieren können.

Unser Ziel ist es gleichgesinnte Weltbürger, darunter Aktivisten und Akademiker, an weltweit zu gewinnen, um festzulegen, dass patriarchale Unterdrückung das Fundament weiblicher Genitalverstümmelung (FGM) und ähnlicher gesundheitsschädlicher traditioneller Praktiken ist; und um Forschung, Dialog und Aktivismus, der aus solch einem Verständnis entspringt, zu fördern. Zu diesem Zweck bestehen wir darauf, dass FGM korrekt benannt wird – nämlich ausdrücklich als “Verstümmelung” und nicht durch ausweichenden Euphemismus im formalen Diskus verharmlost wird.

Uns ist bewusst, dass „viele“ etablierte und an universitätsangehörige Forscher, im Gegensatz zu uns, nicht noch zusätzlich Aktivisten sind, aber das gilt es zu ändern. Die Personen, die wir hoffen für unsere themenbezogene Gemeinschaft Institution zu gewinnen, sind sowohl akademisch qualifiziert sowie erfahren im Feld. Ebenfalls lehnen sie FGM offen ab und benutzen eine angemessen Sprache, um das allgemeine Bewusstsein dafür zu stärken, dass die Ablation der Genitalen von Mädchen niemals und unter keinen Umständen, akzeptabel ist.

Wir hoffen, dass wir durch die Veröffentlichung unserer “Feministischen Stellungnahme zu weiblicher Genitalverstümmelung” mit Anderen zueinanderfinden.

Im Gegensatz zu der bekannten Mehrheit der Wissenschaftler, die zu dieser Thematik arbeiten, schließen wir uns einem feministischen Verständnis von FGM an und verbinden diese Perspektive mit den Strategien, die wir unterstützen, um uns der Praktik entgegen zu stellen. In anderen Worten favorisieren wir ehrliche, handlungsorientierte und zielgesetzte Forschung – als übergeordnetes Ziel wird hierbei immer einzig und allein die Eliminierung von FGM definiert. Genauer gesagt ist unsere Position wertegeführt und unverrückbar gegenüber jeder Form der Medikalisierung dieser schädlichen traditionellen Praktik – im Unterschied zu einer Orientierung von ethisch fragwürdiger Forschung über FGM, die für sich die Fiktion einer intellektuellen Neutralität beansprucht.

Warum ist es so wichtig, diese Unterscheidung zwischen ‘engagierter’, ‘ethisch fragwürdiger’ und ‘ungenügend engagierter’ Forschung zu ziehen?

Der negative Einfluss von ‘neutraler’ Forschung und fehlendes Engagement auf politischer Ebene darf nicht unterschätzt werden. Jüngste Beispiele für Schäden sind:

  1. Die deklaratorische Bombe traf Aktivisten durch die American Academy of Pediatrics, welche eine ‘Revision’ ihrer bis dato akzeptablen Leitlinie für Kinderärzte von 1988 ankündigte, die eindeutig von einem “neutralen” Ansatz inspiriert war. Da die Intervention nicht mehr als weibliche Genitalverstümmelung betitelt wurde, sondern als Operation aufgewertet wurde, gilt sie nicht mehr als Verletzung der Rechte des Kindes auf körperliche Unversehrtheit oder als Gewaltakt. Das kulturrelativistische Denken führte dazu, dass Ärzten vorgeschlagen wurde Politiker dahingehend zu beeinflussen, die bestehenden Gesetze gegen FGM aufzuheben und es ihnen somit zu ermöglichen, in Kontakt mit FGM praktizierenden Gemeinschaften zu kommen und eine “symbolische Beschneidung” (ritual nick) anzubieten. Die enorme Anzahl an Literatur, die zeigt, dass sogenannte ritual nicks unzureichend sind, wurden von den Verteidigern der traditionellen Praktik FGM ausgeklammert und stattdessen brachten sie die unbewiesen, wenn nicht widerlegte, Idee der Schadensminimierung durch eine Medikalisierung der Praktik ins Spiel. Ein globaler Aufschrei führte zur fast sofortigen Rücknahme des Dokuments im Folgemonat, aber die Haltung und das Gedankengut dessen blieb jedoch sehr lebendig.
  2. Die britische Regierung hat im März 2013  bekannt gegeben, dass 35 Mio. Pfund den Vereinten Nationen und einigen anderen Organisationen zur Verfügung gestellt werden, um Möglichkeiten zur Abschaffung von FGM zu fördern. Hierbei handelt es sich jedoch um eine bereits konsequent demonstrierte Position, die die unbegründete Behauptung stärkt, FGM in einigen Regionen durch das “Verzichts-Modell” [Public Declarations] und Überzeugungserklärungen von Gemeinden eingedämmt zu haben. Aber gleichzeitig versagt Großbritannien dabei,  auch nur eine Strafverfolgung zu sichern (Stand Sommer 2013), trotz der mehreren tausend britischen Kinder mit Migrationshintergrund, die dieser entsetzlichen Praktik jedes Jahr unterzogen werden.
  3. Die australische Regierung erklärt, dass sie Maßnahmen ergreift, um FGM zu stoppen, indem sie mit “Staaten und Territorien zusammenarbeitet, um dort zu gewährleisten, dass Polizei und Staatsanwaltschaft in der Lage sind, zu erkennen und untersuchen wann und wo FGM auftritt und schließlich eine strafrechtliche Verfolgung einzuleiten”. Allerdings vergab die australische Regierung 1 Mio. AUD für 15 Programme, von welchen jedoch Keines für eine verstärkte Erkennung von FGM bei gefährdeten Kindern, Ressourcen zum Schutz von Kindern oder der Durchsetzung von Gesetzen gegen FGM eintritt.

In diesen Zusammenhängen, in denen das Leben vieler Frauen und Mädchen täglich von FGM bedroht ist, wird uns klar, dass Passivität nicht ausreicht, um die aktuelle Situation zu ändern.

Wir müssen entschlossen darauf bestehen, dass FGM ausnahmslos als eine abscheuliche Verletzung grundlegender Menschenrechte und der Würde von Frauen und Mädchen anerkannt und dargestellt wird.

Daher bieten wir hiermit unsere Stellungnahme an Wissenschaftler und Aktivisten an, die unsere Auffassung teilen, um somit die Kritikalität einer wertegeführten, feministischen Perspektive durchzusetzen, durch welche nach unserer Überzeugung eine grundlegende Veränderung in Hinsicht der Abschaffung von FGM ermöglicht werden kann.

Wir freuen uns über ihre Unterstützung!

(Fußnoten)

Die Idee zu dem “Feministischen Stellungnahme zur Benennung und Abschaffung weiblicher Genitalverstümmelung” entstand durch private E-Mail Korrespondenzen zwischen akademisch-orientierten Aktivisten im Juni 2013.

Seitdem haben wir Ratschläge, Ansichten und Meinungen von verschiedensten Forschern und Aktivisten im Feld herangezogen.

Aus dem englischen von Annika D’Avis

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One thought on “Eine Feministische Stellungnahme Zur Benennung Und Abschaffung Von Weiblicher Genitalverstümmelung

  1. Hannover im September 2014, wird der 70. Deutsche Juristentag verschiedene sogenannte leichte Formen der FGM (weibliche Genitalverstümmelung) bagatellisieren und der Bundesregierung empfehlen zu legalisieren?

    Thesen zum Juristentag – Tatjana Hörnle

    “6. Genitalverstümmelung:
    a) Bei der Auslegung von § 226a StGB ist zu beachten, dass nicht alle Veränderungen an weiblichen Genitalien unter „verstümmeln“ zu fassen sind. Dies ist nicht der Fall, wenn der Eingriff mit der Beschneidung von Jungen vergleichbar ist (etwa wenn nur Vorhaut der Klitoris betroffen ist, ohne Amputationen und weitere Verletzungen).”

    http://www.beschneidungsforum.de/index.php?page=Thread&threadID=4763&s=00ab3516abc2ee4af1e588012b4839abcb26f526

    Bringt uns der Juristentag die mit der Scharia verträglichen Paragraphen?

    Der 70. DEUTSCHE JURISTENTAG (2014) rückt heran und ein Blick in die Thesen der Gutachter und Referenten (Kultur, Religion, Strafrecht – Neue Herausforderungen in einer pluralistischen Gesellschaft) verheißt alles Gute für das Islamische Recht und wenig Gutes für die allgemeinen Menschenrechte. Von Edward von Roy.

    http://eifelginster.wordpress.com/2014/08/11/390/

    Machen wir Druck dahingehend, dass der Deutsche Juristentag 2014 den sogenannten milden Formen der Mädchenbeschneidung (FGM) kein grünes Licht gibt.

    Festzustellen wäre dort zusätzlich, dass auch die MGM nicht in den Begriff des Kindeswohls integrierbar ist. Der Minderjährige (unter achtzehn Jahren) ist in eine FGM oder MGM nicht einwilligungsfähig. Kinderrechte ins Grundgesetz.

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